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MÜHLEN IN SCHWABEN

Die neue Dokumentation der Bezirksheimatpflege zu mehr als 1.000 Mühlen in Schwaben.

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Bezirksheimatpflege
des Bezirks Schwaben
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75 Jahre Heimatpflege des Bezirks Schwaben

Die in allen deutschen Ländern nach 1850 sich aus Einzelinitiativen formierende Heimatschutzbewegung war gewissermaßen das kulturelle Gegenstück zu der von Optimismus, Fortschrittsglauben und einer Aufbruchstimmung geprägten dominierenden Technik- und Wissenschaftsgläubigkeit, die davon überzeugt war, dass gesellschaftliche, wirtschaftliche und soziale Probleme durch industriell-technischen Fortschritt, einen wachsenden Wohlstand und die Erleichterung der Arbeit gelöst werden könnten. In der Heimatschutzbewegung, die im ländlichen Raum ansetzte, sah man die kommenden Verluste. Die technische Entwicklung werde eine jahrhundertalte bäuerliche Kultur und die von ihr geprägte Landschaft grundlegend verändern, ja zum Verschwinden bringen. Neben den Verlusten an objektiven Sachwerten, wie Gerät, Kunsthandwerk, Gebrauchsgegenständen, Häusern hatte man auch Angst vor den damit verbundenen Veränderungen der gesellschaftlichen Verhältnisse (Familie) und der Werte (Sitte und Brauch, Glaube).

So gründete der Kaufbeurer Geistliche Christian Frank (1867 - 1942), der Begründer der schwäbischen Heimatschutzbewegung, 1899 einen „Verein zur Förderung heimatlicher Kunde, Kunst und Sitte“ und organisierte 1901 eine bayernweit registrierte Ausstellung für Volkskunst und Heimatkunde in Kaufbeuren, in der der kulturelle, künstlerische und handwerkliche Reichtum der ländlichen Welt dokumentiert wurde.

Die ehrenamtliche Sammlungs- und Dokumentationsarbeit, aber auch die ersten Bemühungen in Denkmalpflege und Naturschutz wurden von den zum Teil neu entstehenden Heimatvereinen und historischen Vereinen getragen. Einen Markstein in der schwäbischen Kulturpflege bildete vor 70 Jahren die Errichtung einer Heimatpflegerstelle für ganz Schwaben.

Am 26. Oktober 1928 schlug der Bürgermeister von Kempten und Kreistagspräsident Dr. Otto Merkt in einem Rundschreiben an die Kreistagsmitglieder die Einstellung eines hauptamtlichen Kreisheimatpflegers vor, der die Aufgabe habe, „für den inneren Menschen, für die Seele des schwäbischen Menschen, damit sie schwäbisch werde und bleibe“, zu sorgen. Er solle „vom Volk, von den Vorfahren, von den Bauern ausgehen, um dem Volk, von den Vorfahren, um dem Volk, um Stadt und Land Schwabenart zu zeigen … Wir kämpfen nicht gegen München, aber wir wollen, dass unser Bayerland altbayerische und fränkische, pfälzische und schwäbische Stammeseigenart achte“.

Das Arbeitsgebiet des Heimatpflegers sah er in folgenden Bereichen: Mundart; Volkstracht; Volkslied; Familiengeschichte; Flurnamen; Heimische Bauweise; Schutz der Landschaft; Schutz der heimischen Pflanzen, der Tiere; heimische Sitten und Gebräuche; Volkskunst; Dorfgeschichte; Heimatbücherei.

Wegen der wirtschaftlichen Notlage hatte der Kreistag 1928 Bedenken, einen hauptamtlichen Kreisbeamten einzustellen, war aber dann auf Vorschlag des Kreisausschusses am 23. Oktober 1929 bereit, einen Heimatpfleger auf nebenamtlicher Basis zu ernennen. Wiederum begründete Merkt den Antrag in erster Linie mit der Sorge „um die Volksseele“. „Bei der Landbevölkerung herrscht für die Pflege des Heimatgedankens viel Verständnis … Bei dem Arbeiter in der Stadt ist die seelische Not beinahe noch größer, weil er entwurzelt und seine Arbeitskraft Gegenstand kapitalistischen Kaufs ist. Mag der Arbeiter auch kaum Zeit haben für solche Dinge, man soll sie ihm doch nicht vorenthalten. Bei ihm ist die Sehnsucht nach Heimat und Verbundenheit mit der Heimat am größten“.

Zum Heimatpfleger wurde der aus dem Kreis um Christian Frank kommende Benefiziat in Obergünzburg Dr. Barthel Eberl ernannt. Dieser Tag, an dem erstmals in Deutschland ein Kreis- bzw. nach heutigem Sprachgebrauch Bezirksheimatpfleger eingesetzt wurde, ist aber für die Kulturpolitik des Bezirks Schwaben noch aus einem weiteren, von Merkt ausgeführten Grund bedeutend: „Der Kreistag ist seines Selbstverwaltungsrechts fast gänzlich beraubt. Der Kreishaushalt wird gleichsam von einer Maschine gemacht, die eine bestimmte Menge Rohstoff bekommt und ihr Fabrikat genau bemessen beliefert. Heute bietet sich uns der seltene Fall, dass wir aus Eigenem etwas tun können für Schwaben …“. Dieser mit der Heimatpflege ansetzende Beginn einer selbständigen Kulturpolitik wurde noch in der Zeit Merkts mit der hauptamtlichen Bestellung Eberls 1934, der Ernennung von Weitnauer 1935 und Ohlenroth 1940 zu weiteren Kreisheimatpflegern fortgesetzt.

Wenn wir uns das Programm und die Begründung der Heimatpflege, die auf Wilhelm Heinrichs von Riehls Wissenschaft vom Volke und deren praktischer Umsetzung in der Heimatarbeit von Christian Frank fußen, näher betrachten, hat sich bis heute an dem Grundanliegen der Heimatpflege nichts Wesentliches geändert: Umfassender Schutz und Pflege von Natur und Landschaft wie der kulturellen und geschichtlichen Traditionen und Denkmale zum Wohle und Besten der Menschen. Daran haben seit Eberl mit unterschiedlicher Schwerpunktsetzung alle schwäbischen Heimatpfleger festgehalten. Ohne die mehr ins ideelle und ins kulturpolitische gehenden Motive Merkts abzuschwächen, lag doch nach Eberl der „bestimmend(e)“ „Gesichtspunkt“ für die Einrichtung einer Heimatpflegerstelle daran, dass die für die heimatpflegerischen Aufgaben zuständigen Münchner Stellen wie das Landesamt für Denkmalpflege und wissenschaftlichen Einrichtungen gab. Die Schaffung der Heimatpflegerstelle bedeutete damit einerseits den Ausdruck eines kommunalen Selbstbehauptungswillens gegenüber der vorherrschenden Tendenz, den Kreistag als ein staatliches Vollzugsorgan zu gebrauchen, andererseits ist sie als eine Besinnung auf die Bedeutung der eigenen, der schwäbischen Kultur und ihrer großen Traditionen zu werten, deren Schutz und Pflege man selbst in die Hand nehmen wollte. Noch kürzer: Man hatte erkannt, dass es keine schwäbische Politik geben könne ohne ihre Fundierung in der Kultur und Geschichte des Landes.

Peter Fassl