Der Denkmalpreis des Bezirk Schwaben

Der Bezirkstag von Schwaben hat im Jahr 2001 beschlossen, ab 2002 jährlich einen Denkmalpreis zu vergeben. Dieser richtet sich an Sanierungen, die sich durch die fachliche Qualität der Maßnahme, das finanzielle Engagement des Eigentümers, die Kreativität bei der Durchführung und die Bedeutung des Denkmals auszeichnen.

Der Denkmalpreis ist dotiert und wird im Rahmen eines Festaktes verliehen.

Preisverleihung 2017

Historische Altstadtfeste, das Aufleben von Bräuchen, altem Handwerk oder das „wieder Tracht tragen“ erfreuen sich hierzulande großer Beliebtheit.

Das neue Interesse an Heimat und Tradition fördert auch ein neues Bewusstsein für die langwierige, aber nachhaltige Arbeit der Denkmalpflege als einen unschätzbar wichtigen Dienst an der Allgemeinheit: „Denn Dorf- und Stadtbilder erhalten, heißt Heimat erhalten“, betonte Bezirkstagspräsident Jürgen Reichert bei der Preis-verleihung zum Denkmalpreis 2017 in Schloss Höchstädt. „Zunehmend erscheint auch Vielen ein liebloser oder rein nach materiellem Nutzen ausgerichteter Umgang mit der historischen Substanz unserer gewachsenen Kulturlandschaften unverständ-lich. Dank des außerordentlichen Engagements tatkräftiger Bürger konnten für den Denkmalpreis 2017 wieder besondere Objekte aus unserer Region ausgezeichnet werden“, so Reichert.

450-jähriges Wohn- und Handelshaus in Harburg (Lkr. Donau-Ries)
Den Denkmalpreis 2017, dotiert mit 15.000 Euro, erhielt der Eigentümer Wilhelm Hertle für seine denkmalpflegerische Sanierung und Umnutzung des Gebäudekomplexes Egelseestraße 4 in Harburg. Die besondere Qualität der Sanierung liegt im Erhalt sowie der Wiederverwendung historischer Bauteile und der Ergänzung im Material des Baus, so dass laut Bezirksheimatpfleger Dr. Peter Fassl ein einzigartiges Gesamtkunstwerk entstanden ist.

Die bislang einzige bekannte Mikwe in einem Privathaus in Schwaben wurde wiederentdeckt. Insgesamt war das Gesamtgebäude äußerst gefährdet. Im Verlauf der Sanierung wurden rund 160 neue Balken und Kanthölzer eingebaut, Fundamente bis zu drei Metern Tiefe unterfangen, alte Eichenfenster restauriert.

Wie Bezirksheimatpfleger Dr. Peter Fassl in seiner Laudatio betonte, handele es sich bei dem Baudenkmal um ein bedeutendes Beispiel aus einer Reihe von ehemaligen jüdischen Wohn- und Handelshäusern, die nach dem Dreißigjährigen Krieg im Wohnviertel Egelsee gebaut wurden.

Seit 1575 befand sich ein Anwesen an dieser Stelle. 1693 erwarb es der Hoffaktor Simon Oppenheimer, kaiserlicher Proviantjude, und errichtete bis 1702 einen Neubau.

Vermutlich wurde bereits damals im Keller die Mikwe, das Ritualbad, eingebaut sowie unter dem Dach die sogenannte Laubhütte für die Begehung des gleichnamigen jüdischen Fests. In der Folgezeit wechselten sich jüdische Besitzer ab. Seit 1851 besaßen christliche Harburger Handwerker das Haus, seit 1861 wurde darin eine Schreinerei betrieben.

Ab 1903 war sie im Besitz der Familie Hertle. 2006 übernahm Wilhelm Hertle den Familienbesitz, führte die aufgeteilten Eigentumsverhältnisse zusammen und begann mit der denkmalpflegerischen Sanierung des 20 Jahre unbewohnten Anwesens. Wilhelm Hertle, der dreißig Jahre vor Ort in der Schreinerwerkstatt tätig war, arbeitete etwa neun Jahre ganztags auf der Baustelle.

Der gestaffelte Gebäudekomplex besteht aus drei Häusern. Das ehemalige Wohnhaus liegt an der Egelseestraße. In der Teilunterkellerung entdeckte Wilhelm Hertle bei den Renovierungsarbeiten eine Mikwe, die kulturgeschichtlich und baugeschichtlich bedeutsam weil es sich um die bislang einzige bekannte Mikwe in einem Privathaus in Schwaben handelt. Auf das Wohnhaus folgte ein erdgeschossiger Zwischenbau, an den sich ein traufseitiges Werkstattgebäude mit Bootsanleger anschloss. Durch den langen Leerstand befand sich das Anwesen in einem bautechnisch schlechten Zustand: Neben anderen Schäden hingen der Dachstuhl des Werkstattgebäudes und die Türstürze durch, waren Balken und Sparrenköpfe der Geschossdecken und des Dachstuhls angefault, waren Kehlbalken aus den Zapflöchern gerutscht und wies das Bruchsteinmauerwerk starke Verformungen auf.

Das Haus weist heute rund 800 qm Nutzfläche auf. Im ehemaligen Wohnhaus befinden sich sieben Gästezimmer und eine Wohnung, in der ehemaligen Werkstatt ein großer Gastraum mit 70 Plätzen sowie im ersten Stock darüber ein separater Tagungsraum.

Im oberen Stockwerk wurde das Fachwerk freigelegt und eine Wandheizung, in Lehm eingepackt, installiert. Die Heizung wird umweltfreundlich mit Wasser aus der hauseigenen Quelle und Grundwasser mittels einer Wärmepumpe betrieben. Das Holz blieb chemisch unbehandelt.

Der Umbau erfolgte behindertengerecht mit einer Behindertentoilette. Alles, was aus dem alten Bestand noch brauchbar war, wurde wieder verwendet, auch Fenster, Türen und Kleinteile wie geschmiedete Nägel und Bänder. Die 300 Jahre alten gedrechselten Eichensäulen, die den Mittelbau tragen, stehen noch.

Harburg außen vorher, Foto Wilhelm Hertle
Harburg Gebäudekomplex Egelseestraße 4, Foto Philipp Lindner Bezirk Schwaben
Harburg außen vorher flußseitig, Foto Wilhelm Hertle
Harburg außen nachher flußseitig, Foto Phillipp Lindner Bezirk Schwaben

500-jähriges Wohn- und Geschäftshaus in Nördlingen (Lkr. Donau-Ries)
Ein Denkmalsonderpreis, dotiert mit 7.500 Euro, ging an die Eigner Bauunternehmung GmbH von Werner Luther für die denkmalpflegerische Sanierung und Umnutzung des Anwesens Eisengasse 3 in Nördlingen.

„Die städtebaulich und denkmalpflegerisch hervorragende Sanierung kann überzeugend darlegen, wie durch ein überlegtes Nutzungskonzept und ein zurückhaltendes Vorgehen auch ein über 500 Jahre altes Gebäude heutigen Ansprüchen gemäß saniert und genutzt werden kann“, betonte Bezirksheimatpfleger Dr. Peter Fassl.

In seiner Laudatio hob er hervor: „Das mächtige viergeschossige Wohn- und Ge-schäftshaus nahe dem Rathaus prägt sowohl die südliche Eisengasse als auch den nördlichen Hafenmarkt. Das 1446 erstmals erwähnte Haus mit repräsentativem Anspruch war im Besitz führender Nördlinger Familien und wurde in den Jahren nach 1470 und 1518 in seiner heutigen Kubatur erstellt. Umbauten erfolgten 1782/83, 1881 und 1919. Zuletzt wurde nur mehr das Ladengeschäft im Erdgeschoss genutzt. Vor dem Beginn der Sanierung stand es 15 Jahre lang leer und war in einem vernachlässigten und teilweise gefährdeten Zustand. Im Rahmen der Instandsetzung wurden zunächst alle Einbauten aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts entfernt.

Durch Feuchtigkeitsschäden war die östliche Traufseite im Dachgeschoss um gute 50 cm tiefer als die westliche Längsseite, so dass die Deckenbalken in jedem einzelnen Stockwerk durch angepasste Beilaschungen geschient werden mussten. Die Fenster wurden nach historischem Vorbild erneuert, die Fassadengestaltung mit grauen Faschen und Lisenen nach Beispielen aus dem 19. Jahrhundert gestaltet.

Die Wandputze wurden instandgesetzt, die Stuckdecken und Stuckvoluten wiederhergestellt. Die Holzdecken des 3. Obergeschosses konnten vollständig erhalten werden. Das Sichtfachwerk wurde farbig gefasst. Alle Maßnahmen (Boden, Türen, Decken) dienten dem Erhalt und der materialgerechten Ergänzung, so dass in den Wohnungen die historische Altersanmutung erlebbar ist. Durch geringe Eingriffe konnten in jedem Stockwerk zwei Wohnungen abgetrennt werden, wobei die Grundrisse aller ursprünglichen Wohnräume erhalten blieben.

Vordere Fassade Eisengasse 3, saniert, Foto Niels Pelzer, Baudenkmalpflege Rehau
Hintere Fassade Hafenmarkt, Vorzustand 2014, Foto Niels Pelzer, Baudenkmalpflege Rehau
2OG Instandsetzung Qualitaet 1, Foto Niels Pelzer, Baudenkmalpflege Rehau
OG Bad Wohnung, Foto Vorzustand: Johanna Klasen, Foto nachher: Niels Pelzer, Baudenkmalpflege Rehau

Ehemalige Synagoge Fellheim (Lkr. Unterallgäu)
Ein weiterer Denkmalsonderpreis, dotiert mit 7.500 Euro, wurde für den Umbau und die denkmalpflegerische Sanierung der ehemaligen Synagoge Fellheim an die Gemeinde Fellheim vergeben. Erster Bürgermeister Alfred Grözinger und der Förderkreis „Ehemalige Synagoge Fellheim e.V.“, vertreten durch den ersten Vor­sitzenden Christian Herrmann, freuten sich über die Auszeichnung. Der Rückbau der 1950 zu einem Wohnhaus umgebauten ehemaligen Synagoge ist ein in Schwaben singulärer Vorgang, da hier sämtliche Einbauten und Fensteröffnungen zurückgebaut und der ursprüngliche äußere Zustand (mit einem neuen Treppenturm) wieder­hergestellt wurde. Die denkmalpflegerische Sanierung der ehemaligen Synagoge Fellheim bereichert die Geschichte Schwabens. Sie zeigt die Wunden der Vergangenheit, die Würde der früheren Synagoge, die einfühlsame Sorgfalt gestalterischer Ergänzung und bildet einen Erinnerungsort für die schwäbische Geschichte von höchster Qualität. Auf der Galerie im 1. Obergeschoss ist Platz für eine Gemeindebücherei, Service- und Nebenräume sowie WCs sind im Keller untergebracht. Der Eingang und die Thora-Nische wurden neu gestaltet.

Auszug aus der Laudatio des Bezirksheimatpflegers Dr. Peter Fassl: Die Geschichte der Synagoge reicht bis ins 18. Jahrhundert zurück. Errichtet wohl in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts, wird sie sicher 1777 erwähnt. 1860 findet eine Sanierung statt. 1938 wird sie verwüstet und 1950 umgebaut. Der 2003 im Rahmen der Dorferneuerung gegründete Arbeitskreis Geschichte, Brauchtum und Chronik setzte sich für die Wiederherstellung der Synagoge ein. 2007 erwarb die Gemeinde die ehemalige Synagoge, der Arbeitskreis entwickelte ein Nutzungskonzept, das die Gemeinde nach sorgfältigen denkmalpflegerischen Voruntersuchungen und einem architektonischen Ideenwettbewerb in den folgenden Jahren verwirklichte. Das Gebäude der früheren Synagoge ist in seiner Grundsubstanz und in einigen Fragmenten der Ausstattung noch vorhanden. Alles vom früheren Synagogenbau wurde vollständig erhalten und zur Bestandssicherung restauriert. Reste der Malerei, die ursprünglichen Fenster und Türformen, der Dachstuhl, alles was bis heute bekannt ist und was während der Bauarbeiten bei einer fortlaufenden Befund­untersuchung zu Tage trat, wurde bewahrt und soweit möglich zur Schau gestellt. Gezeigt werden auch Spuren der Veränderung, der Zerstörung und der früheren Nutzung. Sichtbar sind nun die früheren Farbfassungen des Raumes, aber auch die Spuren der Einbauten der Nachkriegszeit. (knt)

Synagoge Fellheim nach Novemberprogromen 1938, Foto Gemeinde Fellheim
Ehemalige Synagoge Fellheim, Lkr Unterallgäu, Foto Julia Schambeck, kern architekten
Ehemalige Synagoge Fellheim, Stand 2008, Umnutzung als Wohnhaus 1950-2007, Foto kern architekten
Ehemalige Synagoge Fellheim, innen saniert, Foto Julia Schambeck, kern architekten